Die unheimliche Maschine

Verehrter Querdenker, wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass uns künstliche Intelligenz in Zukunft präzise Kursprognosen zu Aktien, Zinsen & Co. liefern wird? Wenn man die exponentielle Entwicklung in vielen Technologiesektoren betrachtet und dieses fortschreibt, scheint nichts unmöglich.

Unter den Stichpunkten Big Data, Deep Learning, Quantencomputer usw. scheint sich ein schier grenzenloses Potenzial aufzutun, das menschliche Intelligenz in jeder Hinsicht weit hinter sich lassen könnte. An den Börsen sind heute schon etliche Algorithmen aktiv, die den Kapitalmärkten ihren Stempel aufdrücken. Doch wird die Entwicklung so weit gehen, dass der Mensch in dem komplexen System Börse zukünftig keine Rolle mehr spielt – weil hoffnungslos unterlegen? Anders herum, sollte man als Anleger lieber auf künstliche Intelligenz setzen?

Seit 10 Jahren enteilen an den Börsen viele Technologietitel den eher klassisch „analogen“ Industrieaktien. Ohne jetzt die Frage aufzuwerfen, ob das bewertungstechnisch weiterhin gerechtfertigt ist, zeigt diese Entwicklung aber auch die sich verfestigende Annahme unter Anlegern, dass sich hier in der Breite hohes Wertpotenzial in diversen Zukunftstechnologien verbirgt. Vor 5 Jahren (BQ Juni 2014) hatte ich mit Blick auf die unter Anlegern immer noch grassierende Krisenangst (-> globale Verschuldung!) auf noch ungeahnte, positive Impulse sich verzahnender exponentieller Technologieentwicklungen hingewiesen. Als vorläufiges Paradebeispiel kann man das Smartphone betrachten, das mit Nutzung unzähliger Apps in einem Gerät mittlerweile Funktionen in sich bündelt, die vor nur 12 Jahren in Summe noch einen Wert von Millionen EUR ausgemacht haben, hätte man sie einzeln erworben ... PC, Fotoapparat, Videokamera, Navi, Radio, Rekorder, Scanner, Fax, Fernseher, um nur einige wenige Anwendungen zu nennen. DAS ist Produktivitätswachstum!

Ich kann und möchte Sie jetzt nicht in die Tiefen der wichtigsten Zukunftstechnologien entführen, die in allen Teilen der Wirtschaft und Gesellschaft ihr zuweilen disruptives Element entfalten (werden). Diese Entwicklung ist unüberschaubar. Als Vertreter der Spezies menschlicher Börsianer soll mein Fokus hier aber auf der zukünftigen Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine liegen. Präziser: Wird es noch Raum für menschliche Experten an den Börsen geben, als Portfoliomanager, Analyst oder Wertpapierberater?

Blickt man heute an die Börse, nehmen Algorithmen bzw. Computerprogramme bereits eine gewichtige Rolle im Wertpapierhandel ein (siehe US-Beispiel in Chart 1).

Chart 1: Anteil in % am US-Aktienhandel – Quelle: TABB Group, Eigene Erstellung

Interessanterweise hat sich der Anteil maschinell gestützter US-Aktienkäufe (rote & orange Balken) in den letzten 8 Jahren nicht weiter erhöht, liegt aber insgesamt bei knapp 50% des Gesamthandelsvolumens. Klar abnehmend der Hochfrequenzhandel, den man inhaltlich aber auch nicht unter dem Label intelligenter Algorithmen verorten kann. Hier machen Maschinen nur Renditen aufgrund ihrer Schnelligkeit, da sie sich in Millisekunden vor größere Orders anderer Marktteilnehmer stellen.

Weiter zunehmend hingegen die reinen Quant-Programme, die auf ausgetüftelten Anlagealgorithmen basieren. Und genau hier setzt die Überlegung an, ob diese, wenn sie zukünftig von KI mit unvorstellbaren Rechnerkapazitäten programmiert werden (Stichwort Quantencomputer & Deep Learning), Fähigkeiten bis hin zur perfekten Börsenvorhersage entwickeln könnten. Ist das realistisch?

Fakt ist, dass es intelligenten Algorithmen auf Basis drastisch gestiegener und weiter zunehmender Rechnerkapazitäten insbesondere durch selbsttätiges Lernen immer besser gelingt, hochkomplexe Systeme und Problemstellungen zu verstehen und damit umzugehen. Sei es das autonome Fahren von Autos, der verbale Dialog mit Menschen oder das Spielen und Gewinnen eines eigentlich unüberschaubaren Brettspiels wie Go. Und diese Fähigkeiten werden zunehmen, so man die Maschinen lässt. Wir stehen immer noch eher am Beginn einer exponentiellen Entwicklung, die selbst das bekannte Beispiel des sich weiter verdoppelnden Reiskorns auf dem Schachbrett in den Schatten stellen könnte. Steht am Ende dieser Entwicklung dann eine wirkungsvolle KI, die tatsächlich in die Zukunft blicken und die Börsenkurse korrekt vorhersagen könnte?

Ich maße mir nicht an, Geschwindigkeit und Umfang der technologischen Entwicklung korrekt vorherzusagen. Doch wozu müsste eine wie auch immer geartete KI in der Lage sein, um korrekte Börsenprognosen zu tätigen? Die Antwort ist so einfach wie erschlagend: Sie müsste alles wissen. Alle Einflussfaktoren und alle Wirkungszusammenhänge – inklusive der Rückwirkungen aus der eigenen Existenz, wenn sie auch nur ansatzweise selbst in das Börsengeschehen eingreifen würde.

Und genau das alles halte ich für völlig unmöglich. Wer die Börse kennt, weiß nur allzu genau, dass es nicht immer die großen bekannten Themen sind, die die Kurse beeinflussen, sondern häufig die kleinen, eigentlich unbedeutenden, aber zufälligen Ereignisse. Der sprichwörtliche Schmetterlingsschlag. Donald Trump schläft schlecht, schaut nachts Fox News und twittert in einem Anfall irrationaler Eingebung einen neuen Wirtschaftskrieg herbei – unvorhersehbar.

Im Endeffekt wird selbst die intelligenteste Maschine immer nur einen mehr oder weniger großen Ausschnitt der Realität umfassen können. Und ob hierbei der Umfang dieses Wissens letztlich der entscheidende Erfolgsfaktor wäre, würde ich auch noch bezweifeln. Erfahrung, Intuition und Kreativität, auch in der Umsetzung, sind m.E. genauso wichtige Faktoren. Was ich mit Blick auf die Zukunft daher eher für realistisch und erfolgversprechend halte, ist das Zusammenwirken von mensch- licher und künstlicher Intelligenz im Sinne einer gegenseitigen Befruchtung.

Ganz so weit ist die KI allerdings noch nicht. Manches ist vorläufig noch nur Etikettenschwindel. Und inwieweit sich die neue KI von den eher erfolgloseren Ansätzen der neuronalen Netze (seit den 90ern) abheben kann, wird sich auch noch zeigen müssen.

In diesem Sinne,

always expect the unexpected!

Ihr Mathias Werner